Es ist nicht so einfach.

Früher war es vielleicht nicht besser, aber vieles eindeutiger. Zum Beispiel die Arbeitszeit.

Vor wenigen Jahren war ich in einer Festanstellung. Da ich dort mit Studenten zu tun hatte, begann der Arbeitstag oft erst zwischen 9.00 und 9.30 Uhr. Gegen 18 Uhr war Feierabend. Es gab mal Tage, da wurde es etwas länger. Es gab auch mal Sonntage, die wurden zum Tag der offenen Tür. Als Ausgleich war dann unter der Woche mal früher Schluss oder man fing später an. Aber auf jeden Fall war es sehr geregelt.

„Geregelt“ – Ein eigentlich sehr unschönes Wort für Menschen, die selbstbestimmt arbeiten wollen, die einen eigenen Arbeitsrhythmus haben (hat das eigentlich nicht jeder, so wie jeder seinen Biorhythmus hat!?).

Arbeitszeit, das klingt noch so nach letztem Jahrtausend. Nach festen, starren Vorgaben und Regeln. Das klingt nach „Karriere wird nach 18 Uhr gemacht“ oder „Ich kann noch nicht gehen, die anderen sind auch noch da“.

Vermutlich gilt das auch heute noch in vielen (alten) Unternehmen. Ich empfand es als unangenehm.

Diese Arbeitszeitmodell war mit ein Grund für meine Kündigung und den kalten Sprung in die Selbständigkeit als Webdesigner.

Selbständig heißt ja wohl selbst und ständig zu arbeiten. Zuallerst heißt es, dass es keine geregelten Zeiten mehr gibt. Es gibt kein festes Erscheinen im Büro und keinen festen Feierabend. Es gibt keinen Chef, der einem die Zeit vorgibt und es gibt keine Kollegen, an denen man sich orientieren kann.

Ein Arbeitszeit-Bewusstsein wurde uns genommen

Selbständig heißt vor allem auch selbstverantwortlich seine Arbeitszeiten zu steuern. Das muss man erst einmal lernen. Unser Arbeits- und schon vorher unser Bildungssystem sind nicht auf eine selbständige Arbeitsweise ausgelegt. Schulbeginn um 7.30 Uhr, dann im 45 Minuten getaktete Arbeitszeiten. Schon beginnend mit sechs Jahren wurde und wird uns eine selbständige Arbeitsweise und -zeit abgenommen.

Ich würde ja fast eher sagen, sie wurde uns weggenommen. Sie wurde uns bewusst abtrainiert.

Sie wurde uns bewusst abtrainiert, damit wir eben fleißige, Arbeitszeit-bewusste, regelbare Arbeitnehmer werden.

Was macht das mit uns?

Wir erwarten, dass uns andere sagen, was wann und wie zu tun ist. Wir erwarten, dass wir uns an anderen orientieren können. Wir erwarten, dass unsere Arbeitszeiten fest vorgegeben sind.

Frei zu arbeiten, muss wieder neu gelernt werden. Frei zu arbeiten musste ich neu lernen.

Es fiel mir größtenteils leicht. Aber eher in der Hinsicht, dass ich mich nicht durch Fernsehen, soziale Netzwerke oder sonstige Faktoren ablenken, bzw. von der Arbeit abhielten liess.

Es fiel mir leicht, weil ich mir die Arbeiten teilweise aussuchen und eigene Schwerpunkte legen konnte. Ich konnte nach meinen Rhythmus arbeiten. Ich bekam meine ganz individuellen Rückmeldungen, ich konnte vielmehr ergebnisorientiert arbeiten und nicht zeitorientiert.

Was mir nicht leicht fiel, ist nicht zu viel zu arbeiten. In der Hinsicht mag ich mich in meiner frei einteilbaren Arbeitszeit nicht von einem „18 Uhr Karriere“-Menschen unterscheiden. Als Selbständiger hat man das Gefühl nie genug zu arbeiten. Die Sicherheit eines festen Monatsgehalts, fester Urlaubstage und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ist nicht vorhanden. Täglich müssen sich Gedanken über Akquise, das Geschäftsmodell, zukünftige Entwicklungen und vieles mehr gemacht werden. Und hierbei gibt es selten ein „es ist jetzt gut“.

Neue Arbeitswelt, neues Arbeitszeit-Bewusstsein

Und nun befinden wir uns auch noch in einer neuen Arbeitswelt, der Digitalen.

Die früher größtenteils getrennten Lebensbereiche Beruf, Familie, Freizeit, Hobby verschmelzen ineinander. Gehen mal mehr, mal weniger offensichtliche Symbiosen ein. Urlaub buchen während der Arbeitszeit, E-Mails checken während des Familien-Ausflugs. Und zu welchem dieser Bereiche gehört eigentlich twittern?

Das betrifft aber sicherlich nicht nur Selbständige, sondern in immer größerem Maße auch Angestellte.

Arbeitszeit ist jetzt nicht mehr fix definiert zu bestimmten Zeiten oder an bestimmte Tätigkeiten gekoppelt. Arbeitszeit findet immer seltener über einen längeren Zeitraum statt. Arbeitszeit ist flexibel geworden und wird noch viel flexibler. Arbeitszeit ist jetzt oft nur schwer messbar.

Wenn mich Bekannte oder Freunde fragen, wie lange ich als Selbständiger eigentlich so arbeite, dann weiß ich es eigentlich überhaupt nicht. Erhrlich gesagt, ich will es auch überhaupt nicht wissen. Klar, manchmal rechne ich nach, aber es ist fast täglich anders. Und was ist genau Arbeitszeit? Wir früher in der Festanstellung auf dem Bürostuhl sitzen und auf den Bildschirm glotzen, EGAL welches Bild da zu sehen ist?

Wie viel Arbeitszeit berechnet man für das mehrmalige E-Mails-Checken am Abend während und zwischen Abendbrot, Gassi gehen, Kinder ins Bett bringen, Serien schauen usw.?

Arbeitszeit hat bei mir keine feste Dauer mehr. Arbeitszeit hat bei mir keine festen Zeiten mehr. Arbeitszeit ist schwammig geworden. Arbeitszeit hat vielmehr was von Lebenszeit bekommen. Ja, das ist vielleicht ein schöner Abschluss:

Arbeitszeit ist Lebenszeit.

Und so wie das Leben sollte sie möglichst selbstbestimmt sein. Unabhängig von Erwartungen und Vorstellungen anderer. Dafür abhängig von den eigenen Lebens- und Biorhythmen. Abhängig von den eigenen Lebensvorstellungen.

Das versuche ich, täglich. Anders ausgedrückt, ich arbeite in meiner Zeit daran…

Dieser Artikel ist ein Beitrag zur XING Blogparade mit dem Thema #Arbeitszeit.

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2 Kommentare
  1. Daniel sagte:

    Sehr guter Artikel. Gerade in der Medienbranche als Designer, Webentwickler, Texter etc. ist die freie Zeiteinteilung wichtig. Das haben viele Arbeitgeber noch nicht begriffen und lassen die Angestellten von 9 bis 18 Uhr + unbezahlte Überstunden arbeiten. Was eigentlich totaler Schwachsinn ist – für beide Seiten.

    Bei einem 8 Stunden Tag hat man vielleicht 5 bis 6 Stunden wirklich effektiv gearbeitet, den Rest der Zeit surft man im Netz. Wenn man kommen und gehen könnte wann man will, wird der Job meiner Meinung nach effektiver und schneller erledigt und es bleibt noch Freizeit zur Erholung, was die Zufriedenheit der Angestellten erhöht.

    Ein weitere Punkt ist zudem auch, dass man nicht immer kreativ sein kann und so stunden vor sich hin gammelt um eine Idee zu finden, was verschwendete Arbeitszeit ist. Lieber diese Zeit in Freizeit investieren und wenn einem etwas einfällt dann geht es mit der Umsetzung ruck zuck.

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